Winzige Wespen können eine Eiche dazu bringen, aus eigenem Gewebe Kinderstuben für ihre Larven zu bilden. Auf Lindenblättern finden räuberische Milben Verstecke, während zwei miteinander verbundene Ahornsamen unterschiedliche Väter haben können. Selbst die grünen Flächen eines Platanenstamms betreiben Photosynthese.
Solche Besonderheiten verbergen sich an Bäumen, die in Hamburg vielerorts zum vertrauten Straßenbild gehören. Gerade im Herbst lohnt sich ein genauerer Blick: Mit dem 1. Oktober endet die gesetzlich festgelegte Schutzzeit für bestimmte Gehölzarbeiten. Das bedeutet allerdings keineswegs, dass Bäume nun ohne Weiteres gefällt werden dürfen.
- Stieleiche: Gallwespen, Überflutungsringe und wertvolle Baumhöhlen
- Winterlinde: Winzige Milbenverstecke und neue Wurzeln im hohlen Stamm
- Spitzahorn: Unterschiedliche Väter, fliegende Ahornnasen und winzige Mitreisende
- Ahornblättrige Platane: Abblätternde Rinde und Photosynthese am Stamm
- Baumfällsaison ab Oktober: Welche Schutzbestimmungen in Hamburg gelten
Stieleiche: Wenn winzige Gallwespen den Baum zum Baumeister machen
Die Stieleiche (Quercus robur) ist in Hamburg nicht nur in Parks und naturnahen Gehölzbeständen anzutreffen, sondern auch als Straßen- und Alleebaum. Im Bereich der Neuländer Straße in Harburg gehören Stieleichen beispielsweise zu den prägenden Alleebäumen. Wer dort oder an anderen Standorten Eichenblätter genauer betrachtet, kann eine ungewöhnliche Entdeckung machen.
Manchmal sitzen auf den Blättern kleine Scheiben, kugelige Gebilde oder andere auffällige Wucherungen. Dahinter können Gallwespen stecken, die die Entwicklung des pflanzlichen Gewebes beeinflussen. Die Eiche bildet daraufhin aus eigenen Zellen sogenannte Gallen, in deren Innerem sich die Larven geschützt entwickeln. Bei Neuroterus quercusbaccarum entstehen je nach Generation flache, scheibenförmige Gallen oder rundliche Gebilde, die an winzige Johannisbeeren erinnern. Diese unterschiedlichen Formen gehen auf eine geschlechtliche und eine ungeschlechtliche Generation derselben Wespenart zurück. Bellows und weitere Forschende der Universität Nottingham untersuchten 2024, wie sich bei der Gallbildung die Aktivität der Gene im Eichengewebe verändert.
Doch auch im Inneren ihres Stammes kann die Stieleiche etwas über ihre Vergangenheit verraten. Die Art kommt unter anderem mit zeitweisen Überflutungen zurecht. Erreichen solche Überschwemmungen den Stamm während der Bildung neuer Wasserleitungsgefäße im Frühjahr, können im Holz auffällige anatomische Veränderungen entstehen.
Forschende um Paul Copini von der Universität Wageningen untersuchten diesen Vorgang experimentell an jungen Stieleichen. Sie stellten fest, dass sich im überfluteten Stammabschnitt ungewöhnlich schmale Wasserleitungsgefäße bilden können. Solche Überflutungsringe bleiben im Holz erkennbar und können später Hinweise auf vergangene Hochwasserereignisse liefern. Die Ergebnisse wurden 2016 in der Fachzeitschrift Frontiers in Plant Science veröffentlicht.
Eine dritte Besonderheit entwickelt sich häufig erst mit zunehmendem Alter. Abgestorbene Äste, Rindenspalten, Mulm und Stammhöhlen schaffen Lebensräume für zahlreiche Tierarten. Für spezialisierte holzbewohnende Käfer, Vögel und Fledermäuse können solche Strukturen besonders wertvoll sein. Ein alter Baum mit einer Höhlung ist deshalb nicht automatisch ein Baum, der beseitigt werden muss. Ob seine Stand- und Bruchsicherheit beeinträchtigt ist, muss anhand seines tatsächlichen Zustands beurteilt werden. Sein ökologischer Wert und mögliche Gefahren sind dabei getrennt zu betrachten.
Winterlinde: Winzige Schutzräume auf den Blättern und neue Wurzeln im hohlen Stamm
Die Winterlinde (Tilia cordata) ist ebenfalls im Hamburger Straßenbild vertreten. An der Buxtehuder Straße in Harburg gehören Winterlinden zu den dort dokumentierten Alleebäumen. Während ihre Blüten und ihr Duft vielen Menschen vertraut sind, bleibt eine ihrer interessantesten Eigenschaften meistens unentdeckt.
Auf der Unterseite der Blätter befinden sich in den Winkeln der Blattadern kleine braune Haarbüschel. Sie dienen nicht nur als botanisches Erkennungsmerkmal, sondern können winzigen Raubmilben geschützte Aufenthaltsorte bieten. Diese Milben ernähren sich unter anderem von anderen Kleinstlebewesen und spielen damit eine Rolle im ökologischen Gefüge des Baumes. Eine 2024 in Scientific Reports veröffentlichte Studie von Puchalska und ihrem Forschungsteam untersuchte, welche Auswirkungen Feinstaubablagerungen auf die Raubmilbe Euseius finlandicus haben. Die Forschenden stellten fest, dass starke Partikelbelastungen die Entwicklung und Fortpflanzung der Tiere erheblich beeinträchtigen können.
Die feinen Haare halten also einerseits Partikel aus der Luft fest. Lagert sich zu viel davon ab, können die winzigen Schutzräume der Milben zugesetzt werden.
Noch erstaunlicher wird es bei alten Linden. Wenn das Holz im Inneren eines Stammes allmählich zerfällt, muss das nicht zwangsläufig das Ende des lebenden Baumes bedeuten. Alte Linden können innerhalb eines hohlen Stammes neue Wurzeln ausbilden. Diese wachsen von höher gelegenen Bereichen nach unten und können zur erneuten Versorgung und Stabilisierung beitragen. Der Forstbotanische Garten der Georg-August-Universität Göttingen beschreibt diese Regenerationsfähigkeit ausdrücklich für Linden. Allerdings handelt es sich um eine mögliche Entwicklung alter Bäume, nicht um einen Vorgang, der bei jeder Winterlinde auftritt.
Auch das Alter einer Winterlinde lässt sich nicht immer allein an ihrem heutigen Stamm erkennen. Durch Stockausschläge können aus einem alten Wurzelsystem immer wieder neue Stämme entstehen. Die britische Forschungseinrichtung Forest Research weist darauf hin, dass in historisch bewirtschafteten Winterlindenbeständen Wurzelstöcke von mehr als tausend Jahren vorkommen können.
Das bedeutet nicht, dass jeder sichtbare Stamm ein solches Alter erreicht. Vielmehr kann ein lebendes Wurzelsystem über sehr lange Zeit bestehen bleiben, während sich seine oberirdischen Triebe mehrfach erneuern.
Spitzahorn: Warum zwei Ahornnasen unterschiedliche Väter haben können
Der Spitzahorn (Acer platanoides) wächst auch an Hamburger Straßen. An der Georg-Wilhelm-Straße in Wilhelmsburg ist die Art als Straßenbaum dokumentiert. Ein besonders markantes Exemplar findet sich außerdem im Stadtpark in Winterhude.
Im Frühjahr fällt der Spitzahorn durch seine gelbgrünen Blüten auf, die bereits vor der vollständigen Entwicklung der Blätter erscheinen. Später entstehen die typischen Doppelfrüchte, die vielen als Ahornnasen bekannt sind.
Jede der beiden verbundenen Flügelfrüchte enthält einen eigenen Samen. Die Wissenschaftlerinnen Heike Liesebach und Dagmar Schneck untersuchten für eine 2022 veröffentlichte Studie die Abstammung solcher Samen und fanden heraus, dass Samen derselben Doppelfrucht unterschiedliche Pollenväter haben können. Sie sind dann genetisch Halbgeschwister. Wie häufig das bei Spitzahornen außerhalb der untersuchten Samenplantage vorkommt, lässt sich aus diesem Befund nicht ableiten.
Auch die Flugbewegung der Früchte ist bemerkenswert. Nach dem Ablösen vom Baum geraten einzelne Flügelfrüchte in eine rotierende Bewegung. Durch ihre besondere Form entsteht aerodynamischer Auftrieb, der den Fall verlangsamt und die Verbreitung mit dem Wind unterstützt. Ein Forschungsteam um Victor Manuel Ortega-Jimenez untersuchte 2019, wie Spitzahorn-Flügelfrüchte auf einen impulsartigen Start reagieren. Die im Journal of the Royal Society Interface veröffentlichten Ergebnisse zeigen, wie schnell die Früchte dabei abbremsen und in eine wirksame Rotationsbewegung übergehen können. Diese starke Abbremsung folgte auf den künstlichen Start im Versuch und beschreibt nicht den gewöhnlichen Fall vom Baum.
Sogar winzige Mitreisende können von der Verbreitungstechnik profitieren. Eine 2022 in Royal Society Open Science veröffentlichte Untersuchung von Chetverikov und weiteren Forschenden dokumentierte spezialisierte Milbenarten, die in abgefallenen Spitzahorn-Flügelfrüchten überwintern und dadurch möglicherweise die nächste Baumgeneration erreichen können. Beobachtet wurde dieses Verhalten an einer untersuchten Population – nicht jede Ahornnase beherbergt solche Tiere.
Wer den Spitzahorn unmittelbar am Baum bestimmen möchte, kann außerdem auf ein einfaches Merkmal achten: Bei einer Verletzung des Blattstiels tritt weißlicher Milchsaft aus. Eine besondere Giftwirkung lässt sich daraus jedoch nicht ableiten.
Ahornblättrige Platane: Der fleckige Stamm ist biologisch aktiver, als er aussieht
Die Ahornblättrige Platane (Platanus × hispanica, auch Platanus × acerifolia) ist ein auffälliger Hamburger Stadtbaum. An der Hannoverschen Straße in Harburg sind Ahornblättrige Platanen als Alleebäume dokumentiert. Besonders bekannt sind außerdem die regelmäßig kastenförmig geschnittenen Platanen an der Dammtorstraße, die den Opernboulevard in der Hamburger Innenstadt prägen.
Ahornblättrige Platane grüne photosynthetisch aktive Flächen

Stachelige Samenbälle vor Winterhimmel

Ihr Stamm fällt durch ein unregelmäßiges Muster aus hellen, grauen, bräunlichen und grünlichen Flächen auf. Es entsteht, weil sich ältere Rindenschichten in Platten lösen.
Häufig wird behauptet, die Platane werfe ihre Rinde gezielt ab, um sich von Luftschadstoffen zu reinigen. Tatsächlich können mit abfallenden Rindenstücken auch anhaftende Schmutzpartikel verschwinden. Ein Forschungsteam um Jan Esper untersuchte 349 Stadtplatanen in Mainz. Die 2023 in Arboriculture & Urban Forestry veröffentlichte Untersuchung ergab, dass die Rindenablösung besonders mit der Stammgröße und dem Aufbau der inneren Rinde zusammenhing. Auch Veränderungen des Wasserhaushalts und damit verbundene Veränderungen des Stammumfangs können eine Rolle spielen. Dass die Platane ihre Rinde hauptsächlich zur Luftreinigung abwirft, ist dadurch nicht belegt.
Noch überraschender sind die grünen Flächen, die nach dem Abfallen der älteren Rinde sichtbar werden. Sie enthalten lebendes, photosynthetisch aktives Gewebe. Der Stamm kann damit selbst Sonnenlicht für Stoffwechselvorgänge nutzen.
Eine 2026 veröffentlichte Untersuchung von Feng und weiteren Forschenden befasste sich mit dieser Stammphotosynthese an jungen Platanen. Dazu wurden die Stämme einiger Versuchsbäume lichtdicht umwickelt, während andere dem Licht ausgesetzt blieben. Ohne die zusätzliche Photosynthese der grünen Stammgewebe waren die Wasserleitungen im Holz unter den getesteten Belastungen kaum schlechter geschützt. Dass der Stamm die Photosynthese der Blätter ersetzen könnte, ist damit nicht belegt.
Auch die braunen Kugeln, die im Winter an vielen Platanen hängen, sind interessanter, als ihr Aussehen vermuten lässt. Jede dieser Kugeln besteht aus zahlreichen dicht zusammenstehenden kleinen Einzelfrüchten. Beim Zerfall des Fruchtstandes werden die Früchte mit dem Wind verbreitet.
Die feinen Pflanzenhaare können zudem in die Luft gelangen. Sercombe und weitere Forschende aus Sydney wiesen 2011 in einer Untersuchung in Annals of Allergy, Asthma & Immunology nach, dass solche Platanenhaare eingeatmet werden können. Bei den untersuchten Personen reagierten bestimmte Allergie-Antikörper auf Platanenpollen, nicht aber auf die Haare und Fruchtfasern. Das Team diskutierte deshalb eine mögliche mechanische Reizung der Atemwege durch diese Haare. Eine solche Reizung ist von einer allergischen Reaktion auf Platanenpollen zu unterscheiden.
Baumfällsaison ab Oktober: Was für Hamburgs Bäume weiterhin gilt
Mit dem 1. Oktober endet der in § 39 Absatz 5 Bundesnaturschutzgesetz geregelte Zeitraum, in dem bestimmte Gehölze grundsätzlich nicht beseitigt oder auf den Stock gesetzt werden dürfen. Die saisonale Schutzzeit erstreckt sich vom 1. März bis einschließlich 30. September.
Bei Bäumen ist dabei der Standort entscheidend. Bäume auf gärtnerisch genutzten Grundflächen sind von diesem konkreten saisonalen Verbot nach § 39 Absatz 5 Satz 1 Nummer 2 ausgenommen; andere Baum- und Artenschutzbestimmungen bleiben dennoch zu beachten.
Der 1. Oktober ist deshalb kein allgemeiner Freigabetermin für Baumfällungen. In Hamburg gilt zusätzlich die Hamburgische Baumschutzverordnung. Nach der Verordnung vom 28. Februar 2023 sind einzelne Bäume grundsätzlich ab einem Stammumfang von 80 Zentimetern geschützt, gemessen in 130 Zentimetern Höhe über dem Boden. Bei mehrstämmigen Bäumen sowie bestimmten Baumgruppen und Baumreihen können bereits geringere Stammumfänge maßgeblich sein. Die Verordnung enthält außerdem Ausnahmen und besondere Regelungen für verschiedene Flächen und Gehölzarten.
Soll ein geschützter Baum gefällt werden, ist daher grundsätzlich vorab zu klären, ob eine behördliche Ausnahmegenehmigung erforderlich ist oder eine gesetzliche Freistellung greift. Zuständig sind die jeweiligen Hamburger Bezirksämter. Bei genehmigten Fällungen können Ersatzpflanzungen oder andere Auflagen hinzukommen.
Gerade auf eng bebauten Grundstücken kann es erforderlich sein, einen Baum abschnittsweise mit Seilklettertechnik abzutragen. Ein solches Verfahren bietet beispielsweise der Hamburger Fachbetrieb Baumpflege Sausen an.
Unabhängig von der Jahreszeit ist außerdem der besondere Artenschutz zu beachten. Besetzte Nester, Fledermausquartiere und andere geschützte Fortpflanzungs- oder Ruhestätten dürfen nicht einfach zerstört werden. Gerade alte Bäume können durch Höhlungen und Totholz einen hohen ökologischen Wert besitzen. Gleichzeitig müssen Eigentümer mögliche Gefahren für Menschen und Sachwerte berücksichtigen. Bei Zweifeln über Stand- oder Bruchsicherheit ist eine fachkundige Baumkontrolle sinnvoll, bevor über weitergehende Maßnahmen entschieden wird.
Welche Bäume sich tatsächlich an einer bestimmten Straße befinden, lässt sich über das Hamburger Online-Straßenbaumkataster nachvollziehen. Es enthält unter anderem Angaben zur Baumart und zum Standort öffentlicher Straßenbäume. Bäume auf Privatgrundstücken sind darin nicht vollständig erfasst.
Weiterführende Literatur
- Bellows et al. (2024): Gallwespen und die Veränderung von Eichenblattgewebe, Plant Biology.
- Esper et al. (2023): Rindenablösung bei Stadtplatanen, Arboriculture & Urban Forestry.
- Freie und Hansestadt Hamburg: Baumschutz in Hamburg – Informationen der Umweltbehörde.
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